Darüber können Sie hier einen ausführlichen Bericht als PDF-Datei herunterladen.
In wenigen Wochen erwartet die Gertrud-Luckner-Gewerbeschule den Gegenbesuch der Studenten/-innen aus Israel in Freiburg.
Dieser Austausch soll in Zukunft regelmäßig stattfinden.
Als erste Information über die Partnerschule und den Ort Beer Sheva kann ein Bericht unserer Stellvertretenden Schulleiterin, Frau StDin Renate Würthwein, über die Eindrücke und Erfahrungen während des ersten Tages des Besuchs in Israel dienen.
Sonntag, 3. Mai 2009
Beer Sheva
Am Samstag waren wir pünktlich in Frankfurt abgeflogen, nachdem wir eine äußerst gründliche Befragung bezüglich unserer Pläne in Israel und des Inhalts unseres Gepäcks hinter uns gebracht hatten. Um 4 Uhr morgens betraten wir in Tel Aviv israelischen Boden und wurden von Dov Tamir, dem Rektor unserer Partnerschule in Beer Sheva, abgeholt. Ein Minibus und Munir, unser Fahrer für die nächsten Tage, brachten uns ins anderthalb Stunden entfernte Beer Sheva.
Ziemlich erschöpft von der schlaflosen Nacht erreichten wir Beith Yaziv, die Jugendherberge, in der wir die nächsten sieben Tage wohnen sollten. Nach einem reichhaltigen Frühstück und einem Stündchen Pause wurden wir zur Stadtführung abgeholt. André Deutsh, ein Architekt und Lehrer des Colleges, zeigte uns Beer Sheva.
Die vorherrschende Farbe in dieser Stadt ist Beige. Die neuen Hochhäuser, die überall entstehen, haben diese Farbe und natürlich auch die freien, sandigen Flächen. Beer Sheva ist annähernd so groß wie Freiburg, hat auch eine Universität und einige Fachhochschulen und die Bevölkerungszahl wächst ständig, und – der Fußballverein der Stadt feierte während unseres Aufenthaltes den Aufstieg in die erste Liga Israels! Der Ort ist das Zentrum des Negev und liegt ziemlich genau in der Mitte Israels. An diesem Ort siedelten schon zu biblischer Zeit Menschen, da es mehrere ergiebige Quellen gab, die ein Überleben in der Wüste möglich machten. 1917 beendeten die Engländer die Herrschaft der Osmanen. Viele der englischen Soldaten sind auf dem Friedhof der Engländer, direkt hinter unserer Jugendherberge gelegen, begraben. Von der osmanischen Herrschaft ist der kleine türkische Bahnhof geblieben, der heute funktionslos und etwas verloren vor den massigen Hochhäusern steht. Kein Zug verbindet heutzutage Beer Sheva mit anderen Städten.
André zeigte uns den uralten Abraham-Brunnen, die nagelneue Oper, das Universitätsklinikum und ein im Bauhausstil gebautes Quartier. Er führte uns auch zur einzigen Moschee, die gerade renoviert wird. Allerdings gibt es in der Stadt keine Muslime, denn diese sind in der Umgebung von Beer Sheva in der Regel Beduinen und leben zum größten Teil in Rahat, der größten Beduinenstadt der Welt.
Und dann fuhren wir zum Technological College of Beer Sheva. Auch hier steht neben dem älteren Gebäude ein nagelneuer futuristischer Bau, der an ein UFO erinnert. Wir wurden von Dov – die Nachnamen werden in Israel praktisch nie benutzt - und Sara Reichmann, der stellvertretenden Schulleiterin empfangen. Außerdem lernten wir Liron Zino, die Sozialarbeiterin der Schule, Hortal, Max, Jenia, Yaouf und Jevgenij, fünf der Studenten und Studentinnen, die im September bei uns zu Besuch sein werden, kennen.
Dov stellte uns sein College vor. Es werden dort die verschiedensten Bereiche des Ingenieurwesens, Architektur, Media-Design, Kraftfahrzeugtechnik u.a. gelehrt. Ein Teil der Schule entspricht etwa unseren Fachhochschulen, daneben gibt es aber auch einen Zweig, der jungen Leuten den Einstieg ins Berufsleben ebnen soll, vielleicht eine Mischung aus unseren Berufsfachschulen und BEJs. Viele Studenten des Colleges sind Beduinen oder Kinder von Einwanderern aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Es war uns schon in der Stadt aufgefallen, dass überall neben den hebräischen Schildern auch solche in russischer Sprache hängen. Der Anteil an Frauen, die in diesem College einen technisch orientierten Studiengang belegen, ist deutlich höher als bei uns.
Wer das College besucht, muss Schulgeld zahlen. Allerdings übernimmt die Armee einen Teil der Kosten, wenn die Studenten ihren Armeedienst abgeleistet haben. Auch das erfuhren wir gleich an diesem ersten Tag: die Armee ist ein zentraler Punkt im Leben der Israelis. Alle unserer Studenten hatten nach 12 Jahren Schule auch ihren obligatorischen drei- bzw. zweijährigen Armeedienst hinter sich gebracht. Nur die arabischen Bürger/innen und die orthodoxen Juden müssen nicht zur Armee. Alle müssen dann jedes Jahr 2-3 Monate als Reservisten der Armee dienen. Die Armee scheint die wichtigste Einrichtung für die Integration der vielen Tausend Einwanderer aus aller Welt zu sein.
Unsere anfängliche Unsicherheit verflog schnell aufgrund des herzlichen Empfangs in der Schule. Schnell war klar, dass unsere israelischen Gastgeber sich freuten über den Besuch aus Deutschland. Immer wieder in den nächsten Tagen wurde uns klar gemacht, dass man gerne viel mehr Besucher in Israel hätte, um den Kontakt mit dem Ausland nicht zu verlieren und um das Bild Israels gerade in Europa aufzupolieren. Die Zahl der Israelbesucher ist in den letzten Jahren aufgrund der politischen Lage sehr klein geworden. Auch zwei andere Themen, die offenbar alle Israelis bewegen, wurden an diesem ersten Tag angesprochen: Das Problem der Wasserversorgung und die Entwicklung der Bevölkerungszahlen. Die Zahl der Einwanderer ist drastisch gesunken und die Zahl der Geburten ist bei der jüdischen, nicht orthodoxen Bevölkerung auf europäisch niedrigem Niveau angekommen, was von besonderer Bedeutung ist, da der arabische Bevölkerungsanteil rasch sehr stark gewachsen ist. Immer wieder haben wir während unseres Aufenthaltes davon gesprochen.
Am Abend wurden wir in unserem Quartier von einem ausgesprochen üppigen Abendessen überrascht. Die Tische bogen sich unter der Last der Schüsseln mit Salaten, Gemüsen, Fisch, Geflügel und anderen Köstlichkeiten. Niemand konnte sich erinnern, in deutschen Jugendherbergen etwas Ähnliches je erlebt zu haben.
Unsere Schüler/-innen trafen sich zu später Stunde mit den israelischen Studenten, um die Szene in Beer Sheva kennen zu lernen. Wir beiden Lehrer wurden von Dov und Sara und deren Partnern in ein Restaurant in eine der riesigen, neuen Shoppingmalls geführt. Es wurde ein ausgesprochen angenehmer und interessanter Abend. Beide Paare sprachen von ihrer Lebensgeschichte, bzw. von der ihrer Eltern, die alle aus Osteuropa stammen. Diese Lebensläufe sind alle von den Schrecken des zweiten Weltkrieges und vom Holocaust geprägt. Vier Tage später führte uns das Ehepaar Wulich - er Professor an der Universität, sie Lehrerin am College - aus, die eine ganz ähnliche Familiengeschichte erzählten. Es erstaunte mich, wie problemlos und ungezwungen wir an beiden Abenden darüber reden konnten und wie herzlich und fröhlich die Atmosphäre war.
Außerdem wurde uns an diesen Abenden klar, dass die Familie, die Kinder und Enkel für unsere Gastgeber eine ganz besondere Rolle spielen. Das Familienleben und regelmäßige, wöchentliche Treffen mit den Kindern, z.B. am Abend des Shabbat scheinen üblich und sehr wichtig zu sein. Wir selber konnten einen solchen Shabbat in der Familie von Liron erleben. Neben Liron, ihrem Mann und ihren drei Kindern waren auch Lirons beide Schwestern, deren Verlobter und Lirons Mutter anwesend. Sie ist Rektorin an einer Grundschule und beschwerte sich über zu große Klassen und fehlendes Geld, was uns nicht ganz unbekannt vorkam. Allerdings können israelische Grundschulklassen 42 Schüler/innen haben!
Angesichts dieses regen Familienlebens muss es um so schwerer zu ertragen sein, wenn die Kinder weit weg in Amerika oder Europa leben. Auch davon berichteten einige israelische Kolleginnen und Kollegen; offenbar verlassen relativ viele junge Leute Israel und viele der jungen Menschen, mit denen wir gesprochen haben, planen zumindest einen vorübergehenden Aufenthalt im Ausland.
Renate Würthwein