





Lyon ist eine Stadt des Genusses und der Gourmets. Deshalb können wir dort einiges lernen, wenn es um moderne französische Pâtisserie geht.
In den Werkstätten des Lycée François Rabelais treffen die SchülerInnen des 2.Lehrjahres von der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule Freiburg die jungen FranzösInnen, die sich in einer etwas anderen Ausbildung (Bac Pro)befinden.
Gemeinsam stellen die SchülerInnen Nougat Montelimar und Verinnes her. Unter Verinnes versteht man kleine Glasdesserts, die aus verschiedenen Krems, Gebäckteilen und Dekor bestehen. Es gibt sie auch pikant, ebenfalls mit Krems oder Mousse. Außerdem wird eine Spezialität, die tarte aux pralines, die überall in Lyon zu finden ist, erarbeitet.
Deutsche und Franzosen arbeiten in gemischten Gruppen, während die anderen die Schule besichtigen, in den Theorie-Unterricht hinein schnuppern oder die zweisprachigen, bebilderten Rezepte durcharbeiten.
Interessant und neu sind bei diesem Frankreich-Aufenthalt die Betriebspraktika, die aus organisatorischen Gründen nur einen Halbtag dauern. Zwei Deutsche und ein Franzose besuchen jeweils einen Betrieb und arbeiten dort gemeinsam.
Die SchülerInnen werden auf deutscher Seite von Gabi Bierle(Französisch), Irmgard Meiners-Schuth (Allgemeinbildung), Reinhard Ruf (Fachpraxis) und Erika Tischer (Fachtheorie) begleitet. Dadurch können sprachliche und fachliche Probleme schnell gelöst werden. Natürlich stehen auch die französischen KollegInnen Valérie Sagnes (Deutsch), André Guillot und Gilles Tissier (Fachpraxis) uns allen mit Rat und Tat zur Seite. Die jungen Leute können sich bereits in der jeweils anderen Sprache vorstellen und begrüßen. Sie lernen nun die Fachbegriffe und die Bezeichnungen der Rohstoffe bei der gemeinsamen Arbeit.
Am Mittwoch unternehmen wir zusammen mit den französischen Jugendlichen eine Fahrt nach Izieu. Dort sind am 6. April 1944 sieben Betreuer und vierundvierzig jüdische Kinder auf Befehl des Lyoner Gestapo-Chefs Klaus Barbie abgeholt und über Drancy in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden. Kein Kind überlebte.
Im Leitbild der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule haben wir uns verpflichtet, die Gräuel des Nationalsozialismus mit unseren Schülern aufzuarbeiten. Deshalb führen wir jedes Jahr am Geburtstag von Gertrud Luckner eine Veranstaltung durch. Zweimal schon war Paul Niedermann als Zeitzeuge anwesend. Er lebte als Jugendlicher eine Zeitlang im Kinderheim von Izieu, verließ es aber vor der Deportation.
Unsere SchülerInnen sind sehr betroffen, ist es doch für viele die erste direkte Begegnung mit dem Nationalsozialismus. Ein Film über die Gerichtsverhandlung mit einem unbeeindruckt wirkenden Barbie und der Vernehmung der Angehörigen der ermordeten Kinder macht uns alle fassungslos.
Frederic, ein Deutschlehrer am Lycée, weist uns bei einer Stadtführung auf das Hotel hin, in dem Klaus Barbie sein Quartier hatte. Dann zeigt er uns die Altstadt von Lyon, die einst Zentrum der Seidenweberei war. Mit ihm geht es über Treppen, Brücken und Durchgänge alter Häuser, die uns sonst verschlossen bleiben.
Während der ganzen Woche werden wir von unseren KollegInnen verwöhnt. Wir erfahren viel über die Lyoner Esskultur. Neben einem Lehrlingswettbewerb auf regionaler Ebene sind wir LehrerInnen zu einem Event der Pâtissiers de la Région Rhônes-Alpes eingeladen. Die Mitglieder der „Sensibilité Gourmande“ haben die sieben Todsünden in den Hallen von Lyon konditorisch umgesetzt. Hier werden die Trends der französischen Pâtisserie deutlich.
Unsere französischen Partner begleiten uns zu allen Abendessen, sodass wir die Möglichkeit haben, für Lyon typische Restaurants kennen zu lernen.
Der letzte Abend wird für die Jugendlichen zum Erlebnis. Die Schule richtet ein festliches Abendessen aus, bei dem wir auch „unsere“ Verinnes wiederfinden. Verschiedene Festredner, darunter der Generalkonsul von Lyon und der Schulleiter unserer Schule Werner Grieshaber weisen auf die Ziele dieser Veranstaltung hin: Teamarbeit, Projektarbeit und Mobilität und die deutsch-französische Zusammenarbeit in einem vereinten Europa.
Die jungen Leute fangen an, miteinander zu „parlieren“ und ihre Plätze, Email-Adressen und Handynummern zu tauschen. Es gibt kaum noch Verständigungsschwierigkeiten. Am liebsten wären wir geblieben, entsprechend lange dauert die Abschiedszeremonie. Als wir nach einem Besuch der Markthallen, einer Besichtigung einer Chocolaterie und einem gemeinsamen Menu zurückfahren, haben wir das Gefühl, es sind Freundschaften entstanden, die für die Zukunft hoffen lassen.

Bericht erstellt von I. Meiners-Schuth / E. Tischer - Gertrud-Luckner-Gewerbeschule Freiburg